Wie alles begann…

Heute möchte ich euch meine Angstgeschichte erzählen.

Die Angststörung die ich jetzt habe, begann vor etwa einem Jahr. Davor hatte ich allerdings schon mit diversen anderen psychischen Problemen zu kämpfen. Nach der Geburt meiner grösseren Tochter 2012 fiel ich in eine postpartale Depression. Das erste Mal erlebte ich ein Gefühl der völligen Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung. Da ich zu der Zeit in einer Psychoanalyse war, konnte die ich zum Glück sehr früh behandelt werden. Der Weg da raus verlief trotzdem nicht linear. Ich vertrug das Antidepressivum, das ich einnahm, überhaupt nicht. Da ich es aber immer weiter einnahm und die körperlichen Schwierigkeiten auf die Nebenwirkungen schob, die „sicher bald vorbeigehen würden“, ging es mir körperlich immer schlechter. Der Höhepunkt war eine schwere Darmentzündung, dank der ich wochenlang Antibiotika schlucken durfte. Übrig blieb ein hartnäckiger Durchfall, dank dem ich schliesslich im Krankenhaus landete und verschiedenste Untersuchungen über mich ergehen lassen musste. Heraus kam nichts. Da ich auch noch Unterleibsschmerzen rechts hatte, nahmen mir die Chirurgen den Blinddarm raus und schickten mich wieder nach Hause. Keiner kam auf die Idee, ich könnte dieses Antidepressivum nicht vertragen. Nur ich schnallte es glücklicherweise irgendwann und setzte es ab. Da war meine Tochter etwa 10 Monate alt und es ging mir wesentlich besser.

Einige Monate lang war ich psychisch stabil. Dann wurde mein Vater immer kranker. Er litt schon seit längerem an COPD – einer schweren Lungenkrankheit – und musste rund um die Uhr Sauerstoff haben. Sein Leiden wurde fast unerträglich und er sprach immer wieder davon, sich das Leben nehmen zu wollen (mit Hilfe von Exit). Das war für mich eine grauenhafte Vorstellung. Sich auszumalen, dass er bald ein Datum festsetzt, an dem er von dieser Erde gehen möchte… Unvorstellbar! Der andere Ausweg war der einer Lungentransplantation. Genau zwei Tage vor seinem 65. Geburtstag erhielt mein Vater dann tatsächlich den Bescheid, man habe eine Lunge für ihn gefunden und könne ihn sofort transplantieren. Meine Mutter und ich (ich bin ein Einzelkind), zitterten und litten während der Operation Todesängste. Zum Glück ging alles gut. Ich werde nie mehr vergessen, wie mein Vater aussah, als ich ihn das erste Mal nach der Operation auf der Intensivstation besucht habe: Er hatte sein Gebiss draussen, überall waren Schläuche… eigentlich sah er eher aus wie tot als lebendig. Dieses Bild hat sich für immer in meinem Gedächtnis festgebrannt. Ich setzte mich neben ihn, nahm seine Hand und ihm lief eine Träne die Wange herunter. Eine Emotion, die mein Vater normalerweise nie gezeigt hätte. Es schüttelte mich vom Heulen.

Das halbe Jahr nach der Lungentransplantation meines Vaters war das bisher schwierigste meines Lebens. Jeden Tag die Angst vor schlechten Nachrichten, das schlechte Gewissen, dass ich ihn nicht öfter besuchte (ich hatte eine sehr schwierige Beziehung zu meinem Vater). Ständig stritten Angst und Liebe in mir. Mal überwog das eine, mal das andere. Auf jeden Fall war ich psychisch schwer belastet. Ich hatte auch viele Ängste, meist diffuse, die ich nicht einordnen konnte. Die Angst überfiel mich einfach plötzlich irgendwo ohne Grund. Das war manchmal sehr schwer auszuhalten.

Im Juli 2014 schliesslich starb mein Vater an den Folgen der Lungentransplantation. Ich war sehr traurig, aber auch erleichtert. Nun, so dachte ich, könne alles wieder „normal“ funktionieren. Dabei unterschätzte ich die Kraft meiner Gefühle sehr. Ich hatte mir z.B. vorgenommen, die Trauer beim Arbeiten auszublenden und musste die Erfahrung machen, dass das nicht möglich war, ohne dass mich furchtbare Ängste plagten. Also entschied ich mich, meinen Klassen (ich bin Sekundarlehrerin) vom Tod meines Vaters zu erzählen. Da machte ich die wundervolle Erfahrung, wie befreiend Ehrlichkeit sein kann. Von da an ging es mir viel besser!

So ging mein Leben also weiter, und zwar gut! Klar war ich immer mal wieder traurig, aber das ist ja auch okay und darf ja sein. Mein Mann und ich entschieden uns in dieser Phase für ein zweites Kind. Während der Schwangerschaft ging es mir sehr gut und ich brachte im Oktober 2015 unser zweites Mädchen zur Welt. Auch die anschliessende Stillzeit konnte ich geniessen, ich war richtig glücklich! Nicht einmal der Schlafmangel belastete mich gross.

Das sollte sich jedoch bald einmal ändern, denn die schlaflosen Nächte gingen nicht vorbei, auch nicht nach mehreren Monaten. Nach vier Monaten ging ich wieder arbeiten und fühlte mich dabei ständig wie im Delirium, konnte kaum einen klaren Gedanken fassen und war eigentlich unfähig zum Unterrichten. Getan habe ich es leider trotzdem. Meine Erschöpfung nahm stetig zu. Auch die Ferien waren nicht erholsam, da mein kleines Mädchen teilweise stündlich weinte und etwas wollte. Manchmal mussten wir sie stundenlang in der Gegend herumtragen. Es war die Hölle! Und vor allem wurde es einfach nicht besser. Abstillen half nicht. Bei uns schlafen half nicht. Wir probierten sämtliche Tricks aus – ohne Erfolg. Ich litt unter extremen Ängsten, die immer völlig diffus blieben. Meine hypochondrischen Tendenzen nahmen wieder zu – ich glaubte ständig, irgendeine Krankheit zu haben und machte mich verrückt deswegen (Brustentzündung, Ohrenentzündung, Magendarmgrippe, …).

Unterdessen erhöhte sich mein Arbeitspensum wieder auf meine üblichen 50%. Da ich einen hohen Perfektionsanspruch habe, galt es, trotz des Schlafmangels möglichst guten Unterricht zu erteilen. Immer noch besser, noch mehr… Ich merkte nicht, dass ich eigentlich kürzer treten sollte. Zuhause wollte ich natürlich eine gute Mutter sein, unternahm viele Dinge mit meinen Kindern, kochte supertolle Menüs… es musste einfach alles „richtig“ sein, sonst fühlte ich mich wie eine Versagerin.

Also fing sie dann eben richtig an vor einem Jahr, die Sache mit der Angst. Mitten während des Unterrichts, ich wollte gerade Blätter austeilen, hatte ich unregelmässige Herzschläge und mir wurde schwindlig. Ich setzte mich sofort hin. Vor lauter Angst konnte ich mich aber nicht mehr beruhigen und liess mich von meiner Chefin zu meiner Hausärztin fahren, die sofort ein EKG machte und meinte, es sei völlig unauffällig, meinem Herzen gehe es gut. Dieser Vorfall ereignete sich letzten Frühling. Seither ist mein Leben leider kontinuierlich bachab gegangen.

Zunächst einmal nahmen die Symptome stetig zu und wurden schlimmer. Will heissen, dass ich diesen komischen Herzschlag häufiger verspürte, auch im Zusammenhang mit Extraschlägen und mit Schwindelgefühlen. Wenn ich ganz stark erschöpft war, schlug mein Herz nur noch mit Extraschlägen, d.h., es machte immer einen Herzschlag mehr als nötig. In solchen Fällen musste ich jeweils mitten in meiner Aktivität innehalten und mich sofort hinsetzen, bis sich das Herz wieder beruhigte. Solche Vorfälle gab es einige.

Der für mich schlimmste, der mir besonders heftig in Erinnerung geblieben ist, ereignete sich in den Sommerferien. Meine Mutter und ich wollten einen gemeinsamen Tag verbringen und fuhren zu zweit mit dem Zug nach Lugano durch den neuen Gotthardtunnel. In Lugano angekommen, wollten wir uns ein nettes Restaurant suchen und dort zu Mittag essen. Nur leider schaffte ich es nicht, diesen Weg (ca. 1km zu Fuss) zu bewältigen. Ständig hatte ich Extraherzschläge. Ich musste mich immer wieder setzen und heulte dabei vor Angst. Dennoch gelang es uns mit Müh und Not, mich in ein Restaurant zu bugsieren. Wir bestellten, sprachen über meinen Vater… da bekam ich plötzlich Herzrasen. Minutenlang sass ich da und hatte einen Puls von sicher 160. Alles ruhige Atmen und Warten, bis es vorbeigeht, half nicht. Ich musste dann zwei Beruhigungstabletten einnehmen, die nach einiger Zeit wirkten. Weil ich nicht mehr sitzen konnte, durfte ich mich im Restaurant hinten flach auf den Boden legen. Da lag ich, heulend und völlig verzweifelt. In der absoluten Überzeugung, nie mehr aufstehen zu können. Meine Mutter musste ein Taxi organisieren, das uns direkt zum Bahnhof fuhr. Auf dem Heimweg war ich glücklicherweise so beduselt von den Tabletten, dass ich keine Angst mehr hatte.

Ja, so begann meine Angsterkrankung. Das war erst der Anfang. Das nächste Mal möchte ich euch erzählen, wie es weiterging und wie es mir heute geht.

Ich freue mich immer, von euren Erfahrungen zu hören und vielleicht Menschen mit ähnlichen Geschichten kennenzulernen. Also lasst mir doch einen Kommentar da! 🙂

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